Editorial von Stephan Gilow
Standort unter Druck: Wer handelt jetzt?
Ohne jeden Zweifel steht die Wirtschaft in Deutschland unter einem riesigen Druck. Zwei Jahre ohne Wachstum, steigende Arbeitslosigkeit, fehlende Investitionen – all das schwächt die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Besonders die Chemie- und Pharmaindustrie spürt die Folgen: Hohe Energiekosten, regulatorische Unsicherheiten und überbordende Bürokratie belasten die Unternehmen. Dies schlägt sich in den Ergebnissen der aktuellen Umfrage des VAA und der DECHEMA zum Chemie- und Pharmastandort nieder: Die Fach- und Führungskräfte der Branche bewerten die Standortbedingungen weiterhin kritisch – und erwarten endlich entschlossenes Handeln.
Warum ist das wichtig? Chemie und Pharma gehören zu den tragenden Säulen der deutschen Industrie. Sie liefern essenzielle Produkte, sichern Wertschöpfung und bieten hochqualifizierte Arbeitsplätze. Doch globale Wettbewerber agieren unter besseren Rahmenbedingungen. In den USA und Asien profitieren Unternehmen von gezielter Forschungsförderung, niedrigeren Energiekosten und schnelleren Genehmigungsverfahren. Deutschland hingegen droht ins Hintertreffen zu geraten – erst recht angesichts der hochvolatilen Lage in der US-Politik, die schwer vorherzusehende Auswirkungen auf das gesamte globale Wirtschaftssystem hat.
Dabei gibt es Stärken, die es zu nutzen gilt: Die Qualität der Ausbildung ist hoch, die Vernetzung zwischen Unternehmen und Wissenschaft funktioniert. Auch die deutsche Pharmabranche gehört zu den produktivsten Branchen. Internationale Unternehmen investieren Milliarden in den Standort. Doch ohne verlässliche Rahmenbedingungen bleibt dieser Trend fragil. Denn Investitionen fließen dorthin, wo sie sich lohnen. Entscheidend sind der Abbau regulatorischer Hürden, die Förderung von Innovationen und die Sicherung hochqualifizierter Fachkräfte.
In den letzten Jahren ist viel Vertrauen verlorengegangen. Die Kurskorrektur unter der neuen Bundesregierung könnte eine Wende einleiten – aber nur, wenn die Mittel richtig eingesetzt werden. Infrastruktur, Digitalisierung und Forschung sind die zentralen Hebel. Chemie und Pharma waren Innovationstreiber und Jobmotor. Sie können es wieder sein – wenn die richtigen Weichen gestellt werden.